
Digitaler Produktpass für den Bau
Verifizierbare digitale Produktpässe (DPPs) für Baumaterialien und -komponenten, entwickelt im Konsortium Digitaal TEMPO in de Bouw — einem Forschungsprojekt unter der Leitung der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Utrecht (HU), gefördert von Regieorgaan SIA und Topsector ICT im Rahmen der Digital Product Passports-Ausschreibung.
Ausgangslage
Der Bausektor ist für einen großen Teil des europäischen Rohstoffverbrauchs und Abfallaufkommens verantwortlich. Neue europäische Rechtsvorschriften — insbesondere die Ökodesign-Verordnung für nachhaltige Produkte (ESPR) — verpflichten Hersteller, Produktinformationen über Digitale Produktpässe transparent, digital und überprüfbar zu machen. Für die gebaute Umwelt bedeutet dies einen grundlegenden Wandel: Materialien, Komponenten und Gebäude müssen über ihren gesamten Lebenszyklus nachverfolgbar sein, damit Wiederverwendung und zirkuläres Bauen im großen Maßstab möglich werden.
In diesem Zusammenhang wurde das Projekt Digitaal TEMPO in de Bouw gestartet (Startdatum 1. September 2025, Dossier DPP.DPP.01.011, gefördert von Regieorgaan SIA und Topsector ICT im Rahmen der Digital Product Passports-Ausschreibung). Die HU Utrecht fungiert als leitender Partner; Credenco ist einer der sechs Fördermittelempfänger und stellt die Organization-Wallet-Technologie bereit, mit der Pässe ausgestellt, verwaltet und überprüfbar geteilt werden können.
Herausforderung
Auch wenn der Bedarf an DPPs weithin anerkannt ist, stehen KMU im Bausektor vor realen Hürden. Es gibt keinen gemeinsamen Standard dafür, wie Pässe zwischen den vielen Beteiligten in der Kette ausgestellt, geprüft und ausgetauscht werden. Das Projekt konzentriert sich auf vier zentrale Fragen:
- Authentifizierung und Zugriff: Wer darf welche Informationen einsehen oder nutzen?
- Integration mit Informationssystemen und Datenbanken: Wie werden Daten effizient zwischen den Beteiligten geteilt?
- Datenschutz und Sicherheit: Wie werden sensible Produktinformationen geschützt?
- Datenmanagement und -pflege: Wie bleiben die Informationen über die Zeit korrekt und verlässlich?
Für Credenco besteht die Herausforderung darin, diese Fragen in eine funktionierende, skalierbare Wallet-Infrastruktur zu übersetzen, die der Realität von Herstellern, Architekten, Bauunternehmen und Anlagenbesitzern im Bausektor entspricht.
Lösung
Gemeinsam mit Quintessence Research entwickelt Credenco die digitale Lösung, die DPPs ausstellt und verwaltet. Credenco steuert seine Business Wallet bei: den Ort, an dem Unternehmen Verifiable Credentials auf Basis europäischer Standards (EUDI, W3C VCs) empfangen, verwalten und teilen. EPEA bringt Expertise zu Cradle-to-Cradle und Materialpässen ein; die Hochschule Zuyd und HU bilden das Forschungsrückgrat und leiten die praxisnahe Forschung unter der Projektleitung von Dr. A.F. de Wild.
Der Ansatz wird durch konkrete Anwendungsfälle mit Projektbeteiligten aus der Bau-Wertschöpfungskette validiert: CISKIN (Alkondor Hengelo) für zirkuläre Fassaden, SATIJNplus Architecten für Entwurf und Integration in ein Bauobjekt, Madaster für die Einbindung in das zirkuläre Materialregister, Imperfect für den Marktvertrieb sowie digiGO gemeinsam mit Biobased Nederland für die Vernetzung des Sektors und den Wissensaustausch.
Das Konsortium orientiert sich an europäischen Initiativen wie CIRPASS2 und trägt zu einer interoperablen DPP-Infrastruktur für den Bausektor bei.
Erwartetes Ergebnis
Das Projekt läuft bis August 2027. Das angestrebte Ergebnis ist eine Sammlung von Erkenntnissen, Empfehlungen und Best Practices, die es KMU im Bausektor ermöglichen, DPPs schnell einzuführen und die Chancen des zirkulären Bauens zu nutzen. Für Credenco liefert das Projekt eine konkrete Validierung der Business Wallet in einer komplexen, mehrstufigen Wertschöpfungskette und bildet die Grundlage für einen breiteren Rollout verifizierbarer Produktpässe — im Bausektor und in anderen Branchen, die künftig unter die ESPR fallen.
Wirkung
Das Projekt läuft bis August 2027 — dies sind die erwarteten Ergebnisse, an denen wir gemeinsam mit dem Konsortium arbeiten.
ESPR-bereit
Ein wiederverwendbares DPP-Muster, das mit der kommenden Ökodesign-Verordnung für nachhaltige Produkte (ESPR) konform ist.
Zirkulärer Wert
Verifizierbare Produktdaten begleiten Komponenten über ihren gesamten Lebenszyklus — und ermöglichen Wiederverwendung, Wiederaufbereitung und hochwertige Rückgewinnung.
Vertrauen von Grund auf
Kryptografisch signierte Credentials belegen Herkunft, Zusammensetzung und Eigentum ohne manuelle Prüfungen oder fehleranfällige PDFs.
Ökosystem-Passung
Interoperabel mit Madaster, CIRPASS2 und europäischen Wallet-Standards (EUDI, W3C VCs) — konzipiert, um über das Pilotprojekt hinaus zu skalieren.
Praktische Beispiele
Drei konkrete Anwendungen, die mit den Konsortialpartnern erprobt werden.
Ausstellung eines DPP pro Fassadenelement, sodass es demontiert, geprüft und an einem neuen Gebäude wieder montiert werden kann — Produkte werden so zu langlebigen Werten.
Abfrage authentischer Produktdaten bereits in der Entwurfsphase, sodass Materialentscheidungen auf Basis verifizierter Umwelt- und Zusammensetzungsdaten getroffen werden können.
Automatische Anreicherung gebäudebezogener Pässe (z. B. in Madaster) aus den zugrunde liegenden Komponenten-DPPs, sodass das Gebäudemodell kontinuierlich aktuell bleibt.
Ausblick
DPPs für den Bau sind ein erster Schritt hin zu einem viel breiteren Ökosystem verifizierbarer Produkt- und Lieferkettendaten. Die im Rahmen von TEMPO entwickelte Wallet-Infrastruktur und die Governance-Muster sind darauf ausgelegt, auf andere ESPR-Produktgruppen — von Textilien bis Elektronik — ausgeweitet zu werden und sich mit dem europäischen Rahmen für digitale Identität zu verbinden, damit Organisationen zur vertrauenswürdigen Quelle für Produktnachweise in einer Kreislaufwirtschaft werden.